Kassandra | Zunge: reißen

Katja Erfurth

Kassandra, in der griechischen Mythologie die Tochter des trojanischen Königs Priamos und der Hekabe, erhielt vom Gott Apollon wegen ihrer Schönheit, die Gabe der Weissagung.

Als sie jedoch seine Verführungsversuche zurückwies, verfluchte er sie, auf dass ihre Weissagungen niemals Gehör fanden.

Gemeinsam mit dem Komponisten Helmut Oehring und dem Vokalensemble AuditivVokal Dresden unter der Leitung von Olaf Katzer begibt sich Katja Erfurth auf die Spurensuche um die Frauenfigur und den Mythos der Kassandra. Dabei steht die Auseinandersetzung des Nicht-gehört-werdens im Kontext der Antike und der heutigen Zeit im Mittelpunkt.

Katja Erfurth beschäftigte sich in der Begegnung mit der Gebärdensprache, die Sprache der Nichthörenden, vor allem im Rahmen einer Residenz des TANZPAKT Dresden mit vigevo – Netzwerk für Gebärdensprachdienstleistungen und weiter während eines Denkzeit-Stipendiums der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, tiefer mit dieser visuellen Sprache. In ihrer steten Auseinandersetzung mit Körpersprache und Tanz war es ihr ein folgerichtiger Schritt, die nonverbale Kommunikationsebene der Gebärdensprache in ihrer Historie und ihren Prinzipien kennenzulernen und körperlich zu erfahren.

Für Katja Erfurth ist es überaus sinnfällig, das Thema der Sprach- und Hörlosigkeit, mit dem Verwenden von konkreten wie vor allem assoziativen Gebärden in der tanzkünstlerischen Bewegungssprache zu verbinden.

Kassandra steht, wie keine andere Figur, als Sinnbild, kein Gehör zu finden. Dabei wird die historische, wie die gegenwärtige Tragik und Ohnmacht, dass prognostizierte negative Folgen in gesellschaftlichen Prozessen ignoriert werden, in den Fokus gerückt.

Weiter werden jedoch auch Themen, wie die sich wandelnden Frauenbilder, die Veränderung einer matriarchalischen in eine patriarchisch geprägte Welt, die Korrelation von Opfer und Täter, von Gruppe und Individuum, von Wirklichkeit und Fantasie, von Stärke und Zerbrechlichkeit beleuchtet.

Die Inszenierung Kassandra rückt die Frauenfigur durch die Tänzerin in den Fokus.

Der Chor aus sieben Sängerinnen nimmt nach antikem Vorbild in steten Wechseln die Rollen der inneren Stimme Kassandras, des Kommentators, des Volkes, wie des Erzählers ein.

Helmut Oehring entwirft originär für diese Produktion die Komposition und die Gebärdenchoreografie, die wiederum Katja Erfurth in ihre Choreografie assimiliert.


Künstlerische Gesamtleitung, Choreografie und Tanz: Katja Erfurth
Musikalische Leitung: Olaf Katzer
AuditivVokal Dresden: Marie Bieber, Julia Böhme, Sophia Hohenöcker, Katharina Salden, Sinah Seim-Olesch, Anne Stadler, Dorothea Wagner
Komposition und Gebärdenchoreografie: Helmut Oehring
Licht: Ted Meier
Zuspielproduktion: Torsten Ottersberg / STUDIO GOGH smp